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[Gastbeitrag]
Ein Prüfsiegel in den Footer zu setzen dauert zwei Minuten. Ob es dort wirkt, ist eine andere Frage.
Siegel, Zertifikate und Auszeichnungen sollen abkürzen. Der Besucher soll nicht lange über Ihre Datenschutzpraxis lesen, sondern sofort verstehen: Hier hat jemand Unabhängiges hingeschaut. Das klappt gut, solange die Abkürzung ankommt. Für manche Leute ist ein Siegel nicht sichtbar. Zum Beispiel für Menschen mit Hörbeeinträchtigung oder bei starker Sonneneinstrahlung. Oder wenn man das Handy sehr vergrößert. Das Bild liegt auf der Seite und sagt nichts.
Das ist ärgerlich, weil es sich mit wenig Aufwand beheben lässt. Und es ist seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das im Juni 2025 in Kraft getreten ist, für viele Anbieter auch keine reine Stilfrage mehr.
Die ersten Sekunden auf einer fremden Website sind eine Art Schnellprüfung. Der Besucher hat noch keine Beziehung zu Ihnen, also sucht er nach Anhaltspunkten von außen. Ein bekanntes Zeichen, ein Absender, den er einordnen kann, eine Jahreszahl, die aktuell ist.
Genau darin liegt aber auch die Grenze. Ein Siegel überträgt Glaubwürdigkeit nur dann, wenn die ausstellende Stelle bekannt oder wenigstens überprüfbar ist. Ein Logo mit dem Wort “zertifiziert” und ohne nachvollziehbare Herkunft leistet gar nichts – im schlechtesten Fall macht es misstrauisch. Verlinken Sie deshalb, wo es geht, auf das Prüfprofil oder das Verzeichnis der ausstellenden Organisation. Der Klick wird selten genutzt, aber die Möglichkeit dazu wirkt.
Besonders viel bringt das jungen Unternehmen. Wer noch keine gewachsene Reputation hat, keine 300 Bewertungen und keinen Namen, den man kennt, borgt sich mit einem Nachweis Vertrauen von jemandem, der ihn hat.
Das häufigste Versäumnis: alt="Siegel" Damit weiß niemand irgendetwas.
Der Alternativtext soll das transportieren, was die Grafik einem sehenden Besucher sagt. Also nicht das Bild beschreiben, sondern seine Aussage. Statt “Logo mit Häkchen” lieber: “TÜV-Süd-Zertifikat für Informationssicherheit nach ISO 27001, gültig bis 2027”. Länger, ja. Aber informativ.
Ist das Siegel als SVG eingebunden, gehört ein <title>-Element hinein, verknüpft über aria-labelledby. Steht der Text ohnehin schon daneben, kann das Bild dekorativ sein – dann alt="", damit die Information nicht doppelt vorgelesen wird. Doppelt ist genauso störend wie gar nicht.
Für Text gilt 4,5:1, für grafische Elemente, die Information tragen, mindestens 3:1 gegenüber dem Hintergrund. Das trifft Siegel häufiger, als man denkt: hellgraues Logo auf weißem Grund, dezent in den Footer gesetzt, sieht im Designentwurf edel aus und ist auf einem Tablet im Zug praktisch unsichtbar. Ein kurzer Blick mit einem Kontrastprüfer kostet dreißig Sekunden.
Zertifikatsnummer, Gültigkeitsdatum, Name der Prüfstelle: Alles, was im Bild steht, sollte auch als echter Text auf der Seite vorkommen. Das hilft nicht nur Screenreadern, sondern jedem, der die Schrift vergrößert – und ganz nebenbei der Suchmaschine.
Die Sammelseite “Auszeichnungen” ist nicht falsch, aber sie ist selten die Stelle, an der jemand nachschaut. Wirkung entsteht dort, wo eine Behauptung gestützt werden muss: das Datenschutzsiegel neben dem Kontaktformular, das Handwerkszertifikat direkt bei der Leistungsbeschreibung, auf die es sich bezieht.
Und dann die unbequeme Frage: Muss es wirklich alles auf die Startseite? Acht Logos nebeneinander sind kein Beweis für acht Prüfungen, sie sind eine Wand, über die der Blick hinweggleitet. Stichwort: Bannerblindheit. Zwei Siegel mit je einem erklärenden Satz überzeugen mehr als eine Galerie.
Viele Nachweise kommen zusätzlich auf Papier ins Haus, zum Aushängen im Empfang oder zur Übergabe an Kunden. Dieser Teil wird gern unterschätzt, dabei ist er der einzige, den jemand tatsächlich in die Hand nimmt.
Gestaltung und Siegel machen viel aus, das Material aber ebenso: Ein Dokument auf Urkundenpapier mit spürbarem Gewicht und einer Struktur, die man mit den Fingern wahrnimmt, wirkt anders als derselbe Text auf 80-Gramm-Kopierpapier. Wer digital sorgfältig arbeitet und beim Ausdruck spart, erzeugt einen Bruch, den niemand benennt und trotzdem jeder bemerkt.
Drei Prüfungen, die zusammen keine halbe Stunde brauchen:
Vorlesen lassen. Auf dem Mac ist VoiceOver dabei, unter Windows ist NVDA kostenlos. Einmal über die Seite laufen lassen und zuhören, was aus dem Siegel wird. Erfahrungsgemäß ist das der Moment, in dem die meisten Alt-Texte umgeschrieben werden.
Zoomen. 200 Prozent, dann 400. Bleibt das Siegel lesbar, oder wandert es aus dem Layout?
Auf dem Handy anschauen. Nicht im Responsive-Modus des Browsers, sondern auf einem echten Gerät. Mobile Zugriffe stellen inzwischen den Großteil des Traffics, und ein Siegel, das auf 360 Pixel Breite zu einem grauen Fleck zusammenschrumpft, hat seinen Zweck verfehlt.
Nach jedem Relaunch wiederholen. Bei Umbauten fällt Barrierefreiheit als Erstes hinten runter, weil sie nicht auffällt, wenn sie fehlt – jedenfalls nicht denen, die den Umbau abnehmen.
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