Barrierefreiheit ist kein Spiel
Montag, 1. Februar 2010
Es gibt Seiten im Web, die sollten sich nun wirklich mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzen.
Die Bahnhofsmission gehört dazu.
Zitat auf der Seite:
Wir geben Auskünfte und unterstützen Sie bei Verständigungsschwierigkeiten. Zum Beispiel wenn Sie gehörlos sind, schwerhörig, blind, seh- oder sprachbehindert.
Hier sollten also unter anderem blinde oder sehbehinderte Benutzer Hilfe finden. Zum Beispiel Kontaktadressen.
Ich habe einer blinden Bekannten die Aufgabe gestellt, auf diesen Seiten die Telefonnummer der Bahnhofsmission München zu finden. Und ich hätte gewettet, dass sie das nicht schafft. Warum ich mir da so sicher war? Nun, ich verwende zum Testen einen Screen Reader. Und ich hab’ mir die Seiten der Bahnhofsmission mit einem Screen Reader angehört. Speziell die Seite Zu Ihrer nächsten Bahnhofsmission.
Hören Sie selbst:
Download des Hörbeispiels (mp3 - 843 kB)
Hier wurde geradezu beispielhaft alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann: Das Navigationsmenü aus Grafiken aufgebaut. Alle Grafiken unbeschriftet (der Screen Reader liest bei jedem Navigationspunkt “index", weil er versucht, aus dem Linkziel etwas Brauchbares herauszulesen), Dann eine Image-Map, die auch nur für sehende Mausbenutzer bedienbar ist. Und so geht es weiter.
Soll ich berichten, wie die Wette mit meiner blinden Bekannten ausgegangen ist? Nein, wir haben nicht gewettet. Ich hätte das als nicht fair empfunden. Sie hatte meines Erachtens keine Chance. Aber sie hat es geschafft! Wie? Ich habe einen bösen Verdacht: Durch erzwungene Übung. Es gibt wohl so viele schlechte Seiten, dass Screen Reader Benutzer Strategien entwickeln mussten, auch damit zurecht zu kommen.
PS: Die Geschäftsstelle der Bahnhofsmission habe ich angeschrieben. Sollte ich eine Antwort erhalten, werde ich das selbstverständlich hier posten.
2 Kommentare
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Meine Bekannte und Wettkandidatin Eva Papst hatte offenbar soviel “Spaß” an dem “Such den Link - Spiel", dass sie einen eigenen Blog-Artikel verfasst hat: www.eva-papst.at/gebloggt/100203_mission.php
Lesenswert, weil sehr humorvoll geschrieben.
Authentisch, weil aus der Sicht einer Betroffenen.
Kommentar von Fritz — Mittwoch, 3. Februar 2010 - 13:32 Uhr
Dass die “Suche nach dem Link” alles andere als ein Spiel ist, sondern bittere Realität, kann man auf der Seite http://tbl-welt.de/meldungen/meldungen-ablage/2010/bahnhofsmission.php nachlesen.
Dort werden Betroffene, also die taubblinden und hörsehbehinderten Seitenbesucher, auf den Mangel hingewiesen, und aufgefordert, Ihre Bedürfnisse und Forderungen per E-Mail an die Bundesgeschäftsstelle der Bahnhofsmissionen zu melden. Vielleicht wachen die Verantwortlichen auf, und werden sich ihrer Verantwortung für die eigene Clientel bewusst.
Kommentar von Fritz — Donnerstag, 4. Februar 2010 - 20:28 Uhr